Eine Reise ins Innere Zuhause
von Raffaella Mayana
Freier Fall.
Ich falle.
Ich falle und falle mit atemberaubender Geschwindigkeit.
Die Luft, die an mir entlang fließt schält nach und nach meine ganze Haut vom Körper ab. Ich beobachte ohne zu fühlen, falle immer weiter. Auch mein Gewebe, Muskelfleisch und alle Bänder und Sehnen werden vom kraftvollen Luftstrom abgeschält. Schließlich sind auch noch meine Knochen dran und lösen sich im Fallen auf. Ich falle weiter - körperlos - und stelle fest: es gibt mich noch. Mein Bewusstsein ist ganz klar präsent, obwohl ich keinen physischen Körper mehr habe. Ich entdecke die Schönheit dieses Moments - Hingabe an das Fallen - endlos.

Irgendwann spüre ich mich am Boden liegen. Ein Elefant kommt zu mir und lädt mich auf seinen Rücken ein. Ich bin erschöpft. Aus dieser Erschöpfung heraus fällt es mir ganz leicht, mich auf ihn fallen zu lassen. Er sagt: „Komm, wir holen alle nach Hause! Ich mache alles, du ruh dich aus!“ Er geht los und bald finden wir das Baby, das ich war. Der Säugling, der nicht schlafen durfte liegt einfach auf dem Weg. Auf dem Nacken des Elefanten findet er ein sicheres Nest, wo er endlich in einen tiefen, friedlichen Schlaf sinkt. Wir gehen weiter und begegnen einem Gnom-artigen Wesen, dem die Nase fehlt. Dort, wo normalerweise die Nase sitzt prangt eine dunkle Höhle mitten in seinem kleinen Gesicht. Der Anblick dieses entstellten Wesens lässt mein Herz zusammenkrampfen. Es kostet mich Überwindung hinzusehen in das Dunkle in seinem Gesicht. Doch allmählich spüre ich einen Sog aus dem Dunklen heraus, der mich mehr und mehr anzieht, bis ich in die dunkle Höhle hineingezogen werde. Ein Tiefseefisch leuchtet mir den Weg entlang eines goldenen Flusses, bis ich an seine Mündung komme. Ich sehe ein Sternenmeer - golden das Wasser, durchdrungen von Milliarden und Abermilliarden von dunklen Sternen, die schwerelos im Meer schweben.
Das ist der Ort zwischen den Zeiten. Neben den Maßen. Die Öffnung, wo es keinen Platz gibt, und doch alles Raum findet. Dunkle Sterne im goldenen Ozean tanzen unter dem dunklen Raum, der sich unendlich weit erstreckt. Sanfter Atem bewegt den Raum um mich, fließt in Wellen in die Dunkelheit des Ozeans und weiter in den Raum, verbindet sich, mischt sich, berührt, dringt ein und wieder aus. Eine Welt - so anders als die, die ich in diesem Leben kenne, dass mein Herz sich ungehindert ausbreiten kann. Die Welle meiner Gefühle darf frei fließen, und ich sehe, wie sie in den Raum um mich herum vordringt, sich mischt, vermengt, zurückkehrt in den Raum und als Atem des Raums wieder in mich heimkehrt und Nahrung bietet. Ein ewiger Kreislauf, ein stetes Geben und Nehmen.
Wer gibt?
Wer nimmt?
Ein in sich Fließen, aus sich heraus vermengen - so fein verbreitet, dass sich nicht sagen läst, was woher kam und wohin ging.
Kein Name.
Kein Platz.
Kein Gefäß.
Keine Hülle.
Kein Konzept.
Ein sich selbst Gebärendes und fortwährend Vergehendes.
Ein Wallen. Ein Wogen.
Beständig.
Kein Anfang.
Kein Ende.
„Leg den Säugling ins Wasser des Ozeans,“ höre ich die sanfte Stimme des Elefanten leise zu mir durchdringen. „Das Sternenmeer wird ihn heilen.“ Ich zögere einen kurzen Moment als das Bild des Ertrinkens in mir auftaucht. Mein Vertrauen zum Elefanten ist aber stärker und so lege ich den kleinen Körper mit einer ruhigen Bewegung sanft in die goldene Flüssigkeit in der Gewissheit, das richtige zu tun. „Steig du auch hinein,“ sagt der Elefant. Ich lasse mich ins Wasser gleiten noch ehe er die Aufforderung fertig ausgesprochen hat, folge einfach dem Magnetismus, den die Flüssigkeit auf mich ausübt.
Das Baby und ich sinken.
Tiefer und tiefer.
Es schläft unbeirrt weiter und ich sehe Luftblasen aus seiner Nase aufsteigen. In sanftem Rhythmus perlen sie nach oben - ein deutliches Zeichen, dass es atmen kann. Auch ich kann ganz selbstverständlich ein- und ausatmen. Um uns herum schweben die dunklen Sterne in flüssigem Gold. Langsam sinken wir auf den Grund dieses wunderbaren Ozeans. Das Baby landet sanft auf dem sandigen Boden. Es schläft friedlich. Ich liege neben ihm und schaue es an. Langsam beginnt es zu wachsen, wird älter. Immer noch schlafend wird es zum Kind, zum Mädchen, zur jungen Frau bis ich schlussendlich neben meiner jetzigen Gestalt liege und direkt in mein Spiegelbild schaue.
Da öffnet es die Augen und eine tiefe Liebe erfüllt mich für dieses Wesen. Ich sehe mit meinem inneren Auge das Leben, das sie führt - all ihre Aktivitäten, ihre Nöte und Verwirrungen. Mit jeder Szene, die auftaucht wächst meine Liebe für sie. Ich atme diese Liebe zu ihr. Sie atmet ihren Schmerz und ihre Verwirrtheit, ihre Verlorenheit und Angst, ihre Zweifel und Nöte zu mir. Und ich nehme sie in mich auf. Es ist ein leichtes. So sehr liebe ich sie und schenke ihr meine Liebe.
Da sind wir.
Atmen.
Bleiben.
Heilen.
Im Goldenen Sternen Ozean.





