Haus des Spürens
von Desi
Aus den Tiefen längst vergessener Ereignisse steige ich, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, auf eine Brücke empor. Meine physische Nacktheit getaucht in ein rauschendes Bildermeer, gleich einem erfrischenden Frühlingswind einen belebenden Schauer auf meiner Haut hinterlassend.
Ich sehe nicht aus wie ich, eher wie jemand von einem anderen Stern und dennoch weiß ich, dass ich es bin, die hier auf einem Weg zwischen zwei Welten eine Entscheidung zu treffen hat. Noch entziehen sich die Möglichkeiten meiner Kenntnis, allein schon möge ich das Ziehen zu erkennen. Gewiesen durch ein Loch im Himmel, einen Strahl aus dem Auge Gottes, nach links gedreht, betrete ich ein weißes Haus und lasse das schwarze auf der anderen Seite sein.
Den Körper und die Wahrnehmung eines Babys geschenkt, taste ich mich mit kindlicher Neugierde an den weichen, weißen Wänden entlang. Zum ersten Mal scheine ich meine Umwelt zu spüren, das wie mit Teppichboden ausgelegte Innere dieses Hauswesens, die rosa Zartheit meines eigenen Seins.
Es geht bergab, fast rutsche ich, während mich diese weiche, weiße Stille wie ein grenzenloses Vakuum verschluckt. Wie auf den Windungen einer Spirale gelange ich an den Mittelpunkt des Hauses, einen fensterlosen Raum, in den das Licht wie durch geschlossene Augenlider zu dringen scheint und alles im Inneren erwärmt.
Geborgen wie im Zentrum eines Schneckenhauses oder in einer verschlossenen Muschel und umgeben von Holzkugeln, Grasflecken, Metallteilen und Glasperlen, spüre ich mich durch die Gegenwart dieser zahlreichen Gegenstände verschiedener Materialien. Ich benutze dazu nicht nur meine Hände, sondern fühle die Beschaffenheit meiner unmittelbaren Welt mit der Ganzheit meines Körpers.
Aus einer, an diesen Raum angrenzenden Küche wehen die süßen Düfte gekochten Essens an den Flügeln meiner Nase, während das liebliche Summen meiner Mutter Stimme in meine Gehörgänge Einzug hält. Geborgenheit vermag nicht ausdrücken zu können, das Gefühl, das hier geboren zu sein scheint. Ich sehe mich von außen und gleichzeitig spüre ich mich von innen und nehme wahr, dass ich eine Zufriedenheit in mir als Baby begrüßen durfte, wie sie wohl nur selten zu finden sein wird.
Eine ganze Welt nur für mich zu entdecken, eine ganze Welt nur für mich, um mich zu entwickeln, mit der Gewissheit der Anwesenheit einer liebenden Obhut. Mit dem Gefühl erwünscht und geliebt zu sein im Herzen sage ich dem Bild einer jungen Mutter mit Pferdeschwanz, dass ich glaube, dass es sie ist, die mir das Gespür für diese Welt gegeben hat. „Naja von Deinem Vater wirst Du es nicht bekommen haben!“, antworten mir ein lachendes und ein weinendes Auge.
Meine Mutter hält mich umschlungen in ihrem nackten Schoß. Ich kann ihre weiche Haut an meiner Wange spüren, ich kann diese bedingungslose Liebe in mir aufnehmen und dieses Gefühl nie vergessen.





