Eine Reise zu beiden Ohren
von Elisabeth
Die folgende Reise erlebte ich im zweiten Jahr meiner Ausbildung im Personal Totem Process. Thema waren die Sinne. Nach den Erlebnissen dieser Woche kann ich wahrlich sagen: Jetzt habe ich alle meine Sinne beisammen.
Bei meiner vorhergehenden Reise hatte ich zu Beginn gefragt: Geruchssinn oder Gehör? Es kam das Tier für den Geschmackssinn! Also überließ ich diesmal vertrauensvoll meiner inneren Führung, was geschehen sollte und legte mich auf keinen bestimmten Sinn fest.
Schon während der Einleitung von Ingrid, meiner Begleiterin, beginnt, wie ein Auftakt, eine Reise - eine Reise in der Reise: Ich sehe etwas in die Erde rinnen, ich selbst liege ein Stück eingesunken im Boden. Da ist ein Spalt, und eine goldene Flüssigkeit, flüssiges Gold rinnt hinein. Ich sehe genauer hin, es wird ein Wasserfall. Er zieht mich mit sich. In langem Fall wird das Wasser fast luftig, ganz kleine Tröpfchen entstehen, wie Dampf. Ich steige mit den Wassertröpfchen auf, bis zu den Wolken und sinke mit ihnen im Kreislauf ins Meer. „Regenbogen“ fällt mir ein. Langsam sinke ich auf den Meeresboden. Nautilus aus meiner Reise zum linken Auge lässt sich kurz blicken. Ich liege im schlammigen Untergrund und fühle mich vollkommen geborgen.
Da sagt meine Begleiterin etwas von Atmen, Himmel. – Ach ja, denke ich. Das gibt es auch noch, und bemerke, dass ich unter Wasser atmen kann. Und so werde ich mit jedem Ausatmen leichter und leichter und schwebe langsam nach oben, Richtung Himmel, den ich schon blau durchs Wasser schimmern sehe und der vorhin noch so unendlich weit weg gewesen war.
Ich tauche auf, spüre die Wärme der Sonne auf meiner nackten Haut. Ich liege auf der nur leicht gekräuselten See, unter mir, tief, Mutter Erde wissend, das Wasser dazwischen, über mir die Sonne und Vater Himmel.
Da kommt eine Möwe dahergeflogen und lässt sich neben mir auf der Wasseroberfläche nieder. Wir schaukeln ein Weilchen nebeneinander im Rhythmus der kräuselnden Wellen. Es ist herrlich, so zwischen Himmel und Erde auf dem Wasser zu schweben, sich tragen zu lassen, die Sonne auf den Leib scheinen zu lassen.
Die Möwe setzt sich auf meinen Bauch und putzt sich. Ich frage sie, ob sie mein Begleittier für diese Reise ist.
Ja, sagt sie, und sie ist eine Lachmöwe. Ich soll auf ihren Rücken steigen, sie nimmt mich mit auf einen Flug.
Ich lege mich zwischen ihre Flügel und sinke halb in ihr Federkleid ein. Und wieder fühle ich mich vollkommen geborgen, sicher, getragen. Ich nehme nichts anderes wahr als das Knistern ihrer Federn, wie sie beim Flug durch die Flügelbewegungen entstehen. Und den Wind.
Lange lausche ich diesem Federrascheln und dem Wind.
Es ist klar, dass es ums Hören geht.
Sie will mich zum rechten Ohr bringen, das heller in meiner Wahr¬nehmung ist als das linke. Die Lachmöwe neigt ihren Kopf und wir gleiten in einer Spirale lange, lange nach unten. Ich lausche dem Geräusch ihrer Federn – und bin plötzlich in einer Erinnerung. Ich bin ganz klein, fast frisch geboren, und unter meinem rechten Ohr höre ich dieses Federknistern. Ich bin wahrhaftig dort, an diesem Punkt in der Zeit meiner Geschichte, an diesem Punkt meiner Vergangenheit.
Ich liege in einem weißen Gitterbettchen, alles ist weiß wie das Gefieder der Möwe: das Licht, die Wände, mein Strampelanzug, das Bettzeug. Und mein Kopfkissen ist mit Daunenfedern gefüllt und knistert leise.
Eine große Traurigkeit steigt in mir auf, da ich erst vor kurzem aus der Mutter kam und ihr gleich entrissen wurde. Doch diesmal bleibe ich nicht im Schmerz stecken, nicht in der Traurigkeit hängen, sondern lausche und spüre dem Knistern der Federn im Kopfkissen nach – es fühlt sich, hört sich so heimelig an. Auch hier fühle ich Geborgenheit, die gleiche Geborgenheit wie am Meeresgrund!
Ja, sagt die Möwe, die ja eine Lachmöwe ist, die Menschen, die dich der Mutter nahmen (wie das damals bei Flüchtlingen ohne Papiere üblich war), hatten nicht die Gesetze geschrieben. Und die Menschen, die dich jetzt pflegen, tun dies aus Berufung, mit Hingabe und Liebe. Du siehst, ich war von Anfang an bei dir.
Ich bin tief berührt und koste diese Geborgenheit voll aus, lasse mich ganz in dieses Gefühl fallen. Jetzt kann ich auch anerkennen, dass das Schmerzliche Vergangenheit ist, hinter mir ist – und dass auch Liebe und Geborgenheit für mich da waren – und auch jetzt noch immer sind.
Ich kann die Geborgenheit von damals mitnehmen ins Hier und Heute und gleichzeitig den alten Schmerz zurücklassen! Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich das so deutlich spüre, nein, weiß, dass ich das Alte wirklich ganz zurück¬lassen kann. Und es geschieht ganz leicht, ganz von selbst. Worte sind wieder einmal viel zu wenig, um dieses Gefühl, diese Erfahrung zu be¬schreiben.
Ich steige wieder auf den Rücken der Möwe und sie fliegt in einer Spirale empor, bringt uns zurück zum Meer, auf die Wellen. Ich frage sie, was sie von mir braucht. Ich soll mich flach auf ihren Rücken legen und nach einem Fisch spähen helfen, sie hat Hunger. Ich habe gemischte Gefühle dazu. Mein Fischaszendent sträubt sich und will nicht gefressen werden. Da sagt mir die Möwe, dass es genau das ist, was sie von mir braucht, ein Stückchen von mir, nicht das Ganze. Damit ist es für mich in Ordnung, ihr von mir, von meinem Fischanteil etwas abzugeben. Wir ent¬decken auch einen Fisch, sie fängt ihn und wir landen am Strand, nachdem sie ihn gefressen hat. Sie will hier warten, während ich das Tier für das linke Ohr rufe.
In alle Richtungen ist niemand zu sehen. Der Strand scheint einsam und verlassen. Ich sehe hinunter zu meinen Füßen. Da bewegt sich etwas im Schlamm! Es ist ein Sandwurm. Seine Spuren, diese schneckenförmigen Sandhäufchen, hatte ich schon einmal an der Nordsee erlebt. Jenen Sommer war ich sehr glücklich gewesen, ich war damals so fünf oder sechs Jahre alt. Zunächst bin ich aber von dem Wurm, na ja, fast enttäuscht, er scheint mir so mickrig, ich kann mit so einem Winzling nichts anfangen.
Er will mir seine Welt zeigen. Es geht aber nur, wenn ich in ihn hinein¬schlüpfe. Das dauert eine Weile, da es für mich nicht ganz einfach ist, mich so klein zu machen. Dann aber krieche ich mit ihm, in ihm durch die Erde, den nassen Sand. Er ist ein seltsames Wesen, ganz genau sehe ich ihn nicht. Macht nix, ist nicht nötig, meint er. Nach einer Weile fühle ich mich wohl in dieser Dunkelheit, es ist wie auf dem Meeresgrund – nasse Erde, nasser Sand. Es ist so still, so friedlich.
Ich frage ihn, was er da eigentlich macht: Sand fressen, Sandhäufchen aus¬scheiden. Er frisst Mikroben, winzige Wesen, es geht um Reinigung, erklärt der Wurm. Dann will er in mein linkes Ohr, es bedarf der Reinigung. Mir graust bei der Vorstellung, dass er in mein Ohr kriecht. Doch er ist ganz be¬hutsam, kriecht zuerst nur am äußeren Rand der Ohrmuschel entlang. Ganz langsam nähert er sich der Öffnung des Gehörganges und späht hinein. Oh! Er ist begeistert, wie es hier aussieht. Ein richtiger Gang zum Hineinkriechen, kein Sand, und so warm! Da macht es mir plötzlich nichts mehr aus, dass er hinein will, und so geht er auf Entdeckungsreise in mein linkes Ohr.
Der Sandwurm ist begeistert vom Trommelfell, von Hammer, Amboss und Steigbügel. Als er die Gehörschnecke erreicht, ist er ganz aus dem Häuschen. Da ist ja Flüssigkeit drin, und die Sinneshärchen kitzeln so angenehm, wenn er vorbeikriecht! Er saust hin und her und rundherum in meinem Ohr und ist entzückt. Dann meint er, er will auch das Tier des anderen, des rechten Ohres, kennenlernen.
Ich bringe ihn zurück an den Platz am Strand, wo die Lachmöwe geduldig wartet. Der Wurm fürchtet sich vor der Möwe, er hat Angst, dass sie ihn fressen könnte. Die Möwe beruhigt ihn, er ist nicht auf ihrem Speisezettel. Trotzdem ist der Wurm so klein und die Möwe so groß! Also nehme ich den Wurm auf meine linke Handfläche und die Möwe auf die rechte, so dass sie zumindest auf gleicher Höhe sind und einander gut sehen können.
Der Sandwurm will von der Lachmöwe wissen, wie fliegen ist. Ich nehme einen Batzen Schlamm mit dem Wurm drin auf meine Hand und wir dürfen auf dem Rücken der Möwe eine Runde mitfliegen. Der Wurm ist begeistert. Dann meint er, so schön das ist, er könnte hier nicht überleben, und so bringen wir ihn zurück ins Wattenmeer. Er ist ein seltsames Wesen. Er lebt zwischen zwei Welten, erklärt er, an der Grenze von zwei Elementen: Erde-Sand und Wasser-Meer.
Wie soll nun die Möwe den Lebensraum des Sandwurmes kennenlernen? Der Wurm bittet die Möwe, etwas tiefer in den nasseren Teil des Sand¬strandes zu kommen und mit ihren Füßen die Beschaffenheit des Schlammes zu spüren. Die Lachmöwe steigt von einem Fuß auf den anderen, sie ist etwas nervös, und bei jedem Herausziehen aus dem Schlamm gibt es ein richtig sattes Geräusch, wie ein Schmatzen. Die Möwe stellt fest, dass sie der Schlamm richtig festhält, und ich passe auf sie auf, dass sie auch wieder loskommt. Es ist nämlich nicht ungefährlich für sie, denn der Schlamm könnte ihre Federn verkleben. Aber das Rein und Raus im Schlamm macht einfach Spaß. Ich mache auch mit und erheitere mich an dem Gefühl des Schlammes zwischen meinen Zehen. Vor allem das Geräusch begeistert uns alle Drei, so ein richtig sattes, saftiges Schmatzen. Wir lachen herzlich.
Dann nehme ich Wurm und Möwe wieder auf meine Handflächen und frage sie, ob sie miteinander verschmelzen wollen. Ja, schon, meinen beide vor¬sichtig. Ganz, ganz langsam schmelzen, fließen sie ineinander. Wieder (wie schon bei den beiden Augentieren) bin ich tief berührt von der Acht¬samkeit und dem Respekt, den sie einander dabei entgegenbringen. Das Ver¬schmelzen dauert sehr lange.
Es entsteht ein helles Gebilde. Ich habe Schwierigkeiten, es klar zu erkennen. Es ist zuerst wie ein Herz mit der Spitze nach oben, und an den Rändern rechts und links strahlen so etwas wie Möwenfedern: ein geflügeltes Herz – kopfstehend. Dann dreht sich das Gebilde um seine horizontale Achse, und die beiden Herzhälften schweben zu je einem Ohr, aber überkreuz: die rechte Hälfte zum linken Ohr, die linke Hälfte zum rechten Ohr. Wie Muscheln, ja, so sehen sie aus. Das Herz ist eine Muschel. Herzmuschel. Ohrmuschel. Die beiden Muschelhälften sind ins Ohr hineingeschmolzen, jede in ihres. Muschelspiralen winden sich tiefer. Zwei Spiralen. Sie treffen sich. Die Spitzen der Spiralen, dort wo sich die beiden treffen, ist der Ort der Verwandlung.
Es gibt immer zwei Spiralen, auch wenn wir nur eine sehen können. Wie bei meinem Stirnchakra-Brillanten. Der hat auch einen Schattenbrillanten, der das Nasendreieck bildet. Am Punkt, wo sich die beiden Spitzen der Spiralen treffen, am mystischen Punkt der Verwandlung, dort, wo Transformation ge¬schieht, ist das Jetzt. Da ist alles da, der alte Schmerz und die Geborgenheit, die Traurigkeit und die Liebe, das Licht, alles auf einmal.
Wer hat das gesagt? frage ich und reiße meine Augen auf. Meine Begleiterin sieht mich lächelnd an. Ich schließe meine Augen wieder. Klar, das war mein Gehör, das da gesprochen hat. Wenn sich beide Ohren im Jetzt treffen, ist alles da. Ich soll mit beiden Ohren hinhören. Sonst passiert das, wenn man sagt: zum einen Ohr hinein, zum andern Ohr hinaus. Nur mit beiden Ohren bin ich ganz da, erhalte ich die Informationen, können alle in mir zusammenkommen. Bewusst beide Ohren einsetzen! Ich bedanke mich bei allen Wesen, denen ich in dieser Reise begegnet bin, und verabschiede mich von ihnen.
Ich bedanke mich bei Ingrid für ihre Begleitung und bei Maria fürs Mitschreiben.
Ich bin zurück, aber zunächst noch ein Bisschen verwirrt, dass ich zum Schluss nur so undeutlich gesehen habe. Na ja, manchmal ist das halt einfach so. Und diesmal ist es sogar logisch, dass ich nicht deutlicher sehen konnte, wenn es doch ums Gehör ging. Da können ja nur Gedanken, nur Worte kommen, denen zu lauschen es gilt. Und was meine Gehör-Muschel mit dem Herzen (Herz-Muschel) zu tun hat, werde ich in einer eigenen Reise herausfinden.





