Der Engel - Tod meines Vaters
von Noana
Mein Vater wurde 1905 geboren und starb fast 99-jährig im April 2004. Er war bis zu seinem Tode schöpferisch und geistig rege und auf der Suche. Sein Beruf – Architekt, war seine Lebensaufgabe und so schenkte er bis kurz vor seinem Tod seinen Freunden noch Ideen, obwohl er fast nicht mehr sehen konnte. Körperlich war er immer noch rüstig, wenn auch etwas klapprig und sehr langsam. Mein Vater hat mehrere dramatische Krankheiten erstaunlich gut überlebt. Ich bekam das Gefühl, dass er ewig leben werde. Er war Anthroposoph und hat sich Zeit seines Lebens mit der geistigen Welt auseinandergesetzt und auch Zugang zu ihr gehabt.
Anfang 2004 wurde sein Gesundheitszustand schlechter, Durchblutungsstörungen in den Beinen wurden so schlimm, dass ihm zunächst Zehen, dann der Vorfuß und 2 Tage vor seinem Tod beide Beine amputiert werden mussten. Es war für ihn und für uns nun klar, dass er in eine andere Welt gehen wird. Die starken Schmerzen und die Vergiftung durch diesen Prozess hatten vor der Amputation sein Bewusstsein getrübt.
Ich wünschte ihm von ganzem Herzen, dass er uns nicht während der Narkose oder unter dem dämpfenden Einfluss starker Medikamente verlassen würde, sondern im vollen Bewusstsein, diese Reise antreten kann. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Zwei Tage nach der Operation war er schmerzfrei, geistig wieder leicht, ja er blühte noch einmal für ein paar Stunden unglaublich auf. Die ganze Familie begleitete ihn sehr intensiv in diesen letzten Monaten.
Einen Tag vor seiner Amputation, drei Tage vor seinem Tod machte ich eine Reise zu dem nun sehr präsenten Thema Tod – Tod meines Vaters – eine Reise zu meinem Stirn-Chakra.
Ich befinde mich in einem langen Tal (Erinnerung an das Bärental in Kärnten), es ist hellgrün und gelb, es ist Frühling. Am Ende des Tals sind die weißen Berge meines Vaters und von Ernst. Am Ende des Tales ist auch ein dunkler Wald. Ich fühle mich bedroht. Ich schreie innerlich angstvoll auf – „Nein, ich will kein Tier! Ich weiß, sie kommen nicht und ich will nicht enttäuscht werden.“ Ich bin auf der Flucht, etwas bedroht mich.
Angst ist ein Thema - Was soll hier geschehen?
Ich fühle Ablehnung, Widerwillen, Trotz – das lastet auf meiner Brust. Ich verstehe nicht, warum kein Tier kommen soll – ich fühle Widerstand, Frust, gleichzeitig ist auch das Gefühl da, die Tiere laufen mir nach und verfolgen mich; ich fühle einen Druck am Ende des Brustbeins. Ich werde total von hinten überrannt und überstülpt – mir wird schlecht. Ich werde von etwas Weißem, Schlängelndem verfolgt, es stülpt sich wie etwas Graues von hinten über mich. Mir graut und ekelt davor, ein Tier zu rufen.
Ruf ein anderes Wesen, z.B. einen Engel.
Diese Idee öffnet mich - ich fühle erwartungsvolle Freude: Das Wesen muss geduldig warten, bis ich bereit bin und nicht ich muss darauf warten, dass ein Tier daherkommt. Das ist ein eigenartiges Gefühl – Freude, Macht, dass ich bestimmen kann. Es macht glücklich zu wissen, irgendwer ist da und kommt.
Ich fühle mich wie eine Schildkröte mit einen grauen Panzer, auf den Hinterbeinen stehend. Der Panzer ist eher weich, wie ein graues Fell. Etwas löst sich auf und zerfällt.
Ein gelber Engel mit Flügeln taucht auf und schützt mich. Ich fühle Verwirrung und Ratlosigkeit. Es ist sehr dunkel. Der Engel sagt: „Such nicht so verzweifelt in deinem Kopf nach etwas – schau in dich hinein!“
Die Schildkröte liegt hilflos auf dem Rücken und zappelt mit den Beinen. Ein eigenartiges Gefühl – Wut. Ich wollte kein Tier, es hat sich von hinten meiner bemächtigt. Ich fühle mich überrannt und übertölpelt
Wann hast du das in deiner Kindheit das erst mal gefühlt?
Traurigkeit steckt in meinem Hals – ich will nicht schon wieder über etwas heulen. Es ist mein Inneres, das wie die Schildkröte am Rücken liegt. (Die Schildkröte ist mein indianisches Clantier)
Ich frage: „was brauche ich von dir?“ Ich habe den Wunsch, alles raus zu schreien und ausbrechen lassen zu können. Die Schildkröte ist, wenn sie am Rücken liegt, wie ein Gefäß, das alles halten kann - mit dem Engel der drüber steht und die verletzliche Vorderseite schützt. (Kopfkommentar: schöne Geschichte, siehst du!)
Überforderung, Überlastung legt sich wie ein Deckel über den „Schildkrötenbehälter“. Ich bin durch mein äußeres Leben zu überlastet, um dort hineinschauen zu können. Ein Spalt ist offen und wird größer. Ich fühle Übelkeit im Magen und im Bauch. Ich habe Erinnerung an die Osteopathiesitzung, an den Geburtskanal. Es ist beides da, das Geburtsgefühl und der Behälter. Ich weiß nicht, ob ich in das Gefäß hinein oder aus dem Gefäß heraus geboren werde. Die Füße sind in der Schale – ich möchte ganz dort hinein, um von dort raus zu kommen.
In der Schale ist es wie im warmen Wasser zu sein. Ich kann auch ganz untertauchen und ganz eingerollt drin sein – ganz geborgen. Ich will zurück hinein – ich bin schon da drinnen – da will ich bleiben. Es ist wie der dunkle Wald – ich hab Angst vor dem Hinausgehen. Die Schale ist sehr tief mit viel Platz: Hier muss ich nichts tun, nicht einmal atmen. Ich habe ein Gefühl der Nabelschnur, ich bin versorgt. Ich habe den Wunsch, einmal aus mir ausbrechen zu können. Dieses Ungeborene in der Schale ist das, was ausbrechen möchte; es wechselt zwischen Fötus und Embryo, es verharrt in Bewegungslosigkeit. Ein Gefühl der Ablehnung ist da – vom Kopf gemacht? Eine weiße Straße aus Licht führt zum Engel. Ich werde das Gefühl der Ablehnung nicht los
Was soll geheilt werden?
Die Traurigkeit und Unsicherheit meiner Mutter und die Schande von meinem Opa (uneheliches Kind), die Last, die meine Mutter vom Opa getragen hat. Ich sehe sie ganz gebückt und traurig, obwohl sie jung ist. Es entsteht eine direkte Verbindung vom Engel zu meiner Mutter und Opa.
Frage den Engel nach seinem Namen.
Sein Name ist „Heiler“. Die Verbindung geht an mir vorbei, aber ich soll eingebunden sein. Ich spüre Energie jetzt auch durch mich durch. Ich bin das Gefäß, durch das die Energie weiter zu meiner Mutter fließt. Sie wird hell und weiß, obwohl sie noch gebückt und traurig ist. Hinter ihr steht Opa, gebückt aber schwarz. Ich strecke meiner Mutter meine Arme entgegen und nehme sie liebevoll in die Arme und drücke sie fest an mich. – Ich sehe die alte Frau und die junge. Die alte, die jetzt bald allein sein wird und die junge, die auch allein war. Ich halte sie so lange, bis sie sich umdrehen kann, um den Opa in die Arme zu nehmen. Wir beide nehmen Opa in die Arme – er ist so arm und allein und verachtet, so gedrückt von dieser Schande. Wir strecken ihm die Arme hin und halten ihn wie ein kleines Kind, das Schutz braucht. Hinter uns steht ein großer, mächtiger Engel, der UNS trägt und hält. Wir halten den Opa so lange, bis er sich aufrichten kann, bis er nicht mehr klein und schwarz ist sondern groß und weiß, bis er JA sagen kann zu seinem Leben und zur Lebensfreude.
Ich spüre eine lange Linie von meinem Opa bis zu meinen Kindern. Die Linie geht weit über meinen Opa hinaus. Dahinter ist es dunkel. Opa schreitet weg von uns – zu seinen Ahnen. Neben meinen Opa gesellt sich auch mein Vater, um auch diesen Weg zu seinen Ahnen zu gehen – ohne Beine, im Rollstuhl. Er schaut zu uns her. Er geht den langen Weg noch nicht. Er weiß nicht, wie er das ohne Beine machen soll.
Was braucht dein Vater?
Vater braucht die offenen Arme meiner Mutter, gestützt durch meine offenen Arme, er braucht, dass wir ihn in Liebe begleiten - …. das hat jetzt mein Opa gesagt …
Vom Rollstuhl meines Vaters ist es noch ein weiter Weg bis zu den Ahnen. Mein Vater hat sich noch nicht zu ihnen umgedreht, der Rollstuhl wird auch nicht rückwärts gezogen. Vater klammert sich auch noch fest an uns, er fällt fast aus dem Rollstuhl raus. Er wird gehalten wie ein großes Kind ohne Beine. Für meine Mutter ist er sehr groß und zu schwer. Mutter braucht die Kraft des Engels – er steht direkt hinter ihr. – Ich kann jetzt loslassen und vertrauen, dass der Engel beide hält und letztendlich meinen Vater. Meine Mutter hat meinen Vater losgelassen und geht weg, sie wendet sich ab, etwas gebückt. Meine Mutter geht nicht wirklich glücklich und befreit weg.
Der Engel trägt meinen Vater weg. Er hat jetzt wieder beide Beine. Meine Mutter geht nach der anderen Seite bebückt, wie in ein einsames Tal. Ich gebe meinem Vater noch eine Abschiedsumarmung. Zu meiner Mutter habe ich negative Gefühle – Hass und Verachtung, weil sie sich davon schleicht wie ein geprügelter Hund. Es ist eine harte Mauer zwischen uns.
Was soll geheilt werden?
Anteile von mir verabschieden sich im Bösen. Der Engel sagt: „Es ist Liebe da, lass die Anteile gehen mit Achtung und Respekt und dem Wissen, dass du sie nicht mehr brauchst. Schütze dich vor Arroganz und Hochmut. Gib ihnen einen schönen Platz.“
Ich kehre auf die Frühlingswiese mit den weißen Blumen zurück – die verabschiedeten Anteile dürfen sich dort unter die Blumen mischen. Die Blumenwiese ist mein Inneres, mein Herz. Der Engel meint: „Alles hat Platz. Auch dein Vater wird auf dieser Blumenwiese in deinem Herzen sein. Ich bringe ihn dorthin.“
Vater kann sich jetzt verabschieden. Mit mächtigen Schwingen fliegt der Engel weg aus diesem Tal und lässt sich in der Nähe unsichtbar nieder. Ich tauche noch einmal in das Becken (Schildkröte) und schwimme wie durch einen klaren See zum Abfluss und dort kräftig hinaus. Das Becken bleibt wie ein kleiner, klarer Gebirgssee, eine Quelle, in der sich die Sonne spiegelt. Ich verlasse das Tal und fühle mich erfrischt. Ich muss die Tür hinter mir sorgfältig zusperren.
Die letzte Nacht vor dem Tod meines Vaters konnte ich bei ihm sein, unterstützt von den Schwestern des Sanatoriums. Ich saß viel bei ihm, erzählte ihm vom Engel der ihn wegträgt, er antwortete mit Blicken oder Kopfnicken - ich wusste, dass er mich hört und versteht. Ich sah oder fühlte, wie seine Seele sich langsam aus seinem Körper schälte, wie ein Schmetterling aus seiner Puppe. Ich hielt die Hand und ließ sie wieder los. Voll Vertrauen, innerer Ruhe und Gelassenheit - im Bewusstsein, dass er in ein anders, helles Dasein geht, nahm ich Abschied von ich. Er, der das Leben an mich und meine Kinder weitergegeben hat und in Würde, Schönheit und Weisheit durch seine Lebenserfahrung sich aufmachte, zu den Ahnen zu gehen.
Am Tag darauf waren meine Mutter und dann mein Bruder bei ihm. Ich wollte wieder in der Nacht wachen. Als ich meine Mutter abholte um sie nach Hause zu bringen, wusste ich, dass er jetzt gehen wird. Kurz war der Impuls in mir zu bleiben und später dann, kurz der Vorwurf, meiner inneren Stimme nicht gefolgt zu sein. Aber dann wusste ich, es war richtig so: Er wollte in den Armen meines Bruders die Welt verlassen.
Ich bin dankbar, dass ich meinen Vater in der Kraft des Universums begleiten durfte, unendliche Liebe und Gehalten sein des Universums gefühlt und erlebt zu haben. Ich bin unendlich beschenkt worden und bin gelassen heiter - der Verlust meines Vaters ist schmerzhaft und traurig, aber nicht verzweifelt.





